Über Liebe, die vielleicht gar keine war. Über Playlisten, die man vielleicht löschen sollte.

von Judith Kantor (instagram)

Manchmal frage ich mich, ob das, was wir Liebe nennen, überhaupt existiert oder ob wir Menschen einfach unglaublich gut darin sind, uns Geschichten auszudenken, die schöner sind als die Realität selbst. Vielleicht verliebt man sich oft gar nicht in einen Menschen, sondern in eine Vorstellung, in ein Gefühl, in ein Luftschloss, das man Stein für Stein aus Hoffnung, Sehnsucht und eigenen Bedürfnissen baut, bis man irgendwann selbst nicht mehr unterscheiden kann, was davon echt war und was nur Fantasie.

Es ist doch erschreckend, wie sehr Musik dabei mitspielt. Bestimmte Lieder bekommen plötzlich eine Bedeutung, die sie vorher nie hatten, nur weil man sie in einer bestimmten Zeit gehört hat, mit einer bestimmten Person, in einer bestimmten Nacht, die sich damals wichtig angefühlt hat. Und irgendwann reicht schon die erste Sekunde eines Songs, damit man wieder in dieser Version der Vergangenheit landet, die im Kopf viel schöner aussieht, als sie in der Wirklichkeit jemals gewesen ist. Man verbindet diese Musik mit Intensität und Leidenschaft, obwohl vieles davon eigentlich Unsicherheit, emotionale Abhängigkeit oder sogar etwas Toxisches war. 

Aber Menschen verwechseln Scherz oft mit Tiefe und Chaos mit echter Nähe. 

Im Nachhinein romantisiert man Dinge, die einen damals eigentlich kaputt gemacht haben. Man erinnert sich an die langen Nachrichten, an die schlaflosen Nächte, an dieses ständige Vermissen und denkt, genau das müsse Liebe gewesen sein, weil es sich so angefühlt hat. Dabei war es vielleicht nur das ständige Warten auf Aufmerksamkeit, auf Ehrlichkeit oder auf ein Gefühl von Sicherheit, dass nie wirklich gekommen ist. Viele Beziehungen leben nicht von echter Verbundenheit, sondern von der Hoffnung darauf, dass irgendwann alles doch noch so wird, wie man es sich vorgestellt hat. Diese Hoffnung macht es schwer loszulassen, selbst wenn man längst merkt, dass man eigentlich nur noch an einer Illusion festhält. 

Irgendwann kommt dann vielleicht dieser Moment, in dem man die Realität nicht mehr verdrängen kann. Man merkt plötzlich, dass man die schönen Erinnerungen ständig wiederholt hat, wie Szenen aus einem Film, während man alles andere ausgeblendet hat: die Enttäuschung, das Schweigen, die Unsicherheit, die halben Wahrheiten, dieses Gefühl, nie wirklich angekommen zu sein. Und vielleicht ist genau, dass der Punkt, an dem man verstehen muss, dass nicht alles, was intensiv war, automatisch echt war. Deshalb muss man Playlisten löschen, denn manche Songs einen immer wieder zurückziehen in eine Geschichte, die nur funktioniert, solange man die Fakten ignoriert. Solange man aus den Red Flags Leidenschaft macht und aus emotionaler Distanz etwas Geheimnisvolles. Es gibt Erinnerungen, die halten einen nicht fest, weil sie schön waren, sondern weil man nie akzeptiert hat, dass sie nie das waren, was man unbedingt darin sehen wollte. Vielleicht ist frei sein und Selbstliebe genau das: zu erkennen, dass Liebe nicht ständig weh tun muss, um bedeutend zu sein. Das echte Nähe wahrschlich viel ruhiger aussieht als diese hochromantischen Vorstellungen, die Filme, Musik und Einsamkeit in unseren Köpfen erzeugen.

Und dass manche Menschen nicht die große Liebe waren, sondern einfach nur ein Kapitel, das man viel zu poetisiert hat, weil die Wahrheit zu enttäuschend gewesen wäre.