Acht Regeln, die uns vor digitaler Erschöpfung bewahren

von Ulrich Hoffmann, 12. Januar 2026

Zu viele Tools, zu viele Kanäle, zu viel Ablenkung: Digitale Arbeit ermüdet uns oft unbemerkt. Wissenschaftler Paul Leonardi erklärts, woran das liegt – und was wir ändern können

Herr Leonardi, Sie beobachten bei vielen Menschen eine zunehmende digitale Erschöpfung. Was genau meinen Sie damit? 

Paul Leonardi: Ich meine damit dieses Gefühl von Müdigkeit und Unwohlsein, das daraus entsteht, dass wir Zugang zu überwältigend vielen Informationen haben, zu oft zwischen digitalen Tools wechseln, weil ständig irgendwo eine neue Nachricht hereinkommt, und zugleich viele Annahmen über Aussagen oder Kontexte treffen müssen. Denn digital sehen wir meist nur einen Teil des Gesamtbildes und sind gezwungen, den Rest zu interpretieren.

Wissensarbeiter verbringen pro Arbeitstag im Schnitt 57 Minuten damit, zwischen unterschiedlichen Programmen zu wechseln. Weitere 30 Minuten gehen dafür drauf, zu entscheiden, welcher Kanal für welche Information der richtige ist: Slack, E-Mail, ein Anruf, Notion, Google Docs – oder doch eine PowerPoint?

Wo liegt der Unterschied zu gewöhnlichem Stress? 

Digitale Erschöpfung unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten von Stress und Burnout. Stress ist ein akutes Gefühl von „Ich muss das jetzt erledigen“, verbunden mit einem Adrenalinschub. Burnout hingegen ist ein sehr umfassendes Konzept, in dem viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.

Digitale Erschöpfung dagegen ist das kumulative Ergebnis von Mikro-Stressoren, die sich über längere Zeit ansammeln. Der entscheidende Unterschied: Von Erschöpfung können wir uns grundsätzlich wieder erholen – wie Akkus, die sich neu aufladen lassen. Kümmern wir uns jedoch nicht darum und verbleiben dauerhaft in diesem Zustand, wird es mit der Zeit immer schwieriger, wieder herauszufinden.

Gestresst zu sein wirkt heute fast wie ein Ehrenabzeichen, Erschöpfung scheint allgegenwärtig. Woran merke ich: Vielleicht leide ich nicht einfach nur unter Stress, sondern unter digitaler Erschöpfung?

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die mir in mehr als 20 Jahren Forschung dazu immer wieder begegnet sind. Eines davon ist eine gewisse Gedankenlosigkeit im Umgang mit Bildschirmen und Apps. Wir scrollen und klicken, erledigen aber eigentlich nichts.

Man hat das Gefühl: Ich muss am Bildschirm sein, ich muss meine Arbeitsmails checken oder in ein Social-Media-Konto schauen. Doch sobald man in der Anwendung ist, stellt sich eine diffuse Leere ein: Warum bin ich eigentlich hier? Was müsste jetzt konkret getan werden? Man sieht eine lange Liste von Mails, schüttelt innerlich den Kopf, scrollt, klickt eine an, dann die nächste – antwortet aber niemandem.

Ein weiteres starkes Warnsignal, das ich häufig beobachte, zeigt sich bei Entscheidungen im digitalen Raum. Sobald Menschen auswählen müssen, stockt der Prozess. Sie wissen nicht, welche Mail sie zuerst beantworten sollen oder ob sie nicht doch erst die Chat-Nachrichten lesen. Dasselbe Phänomen tritt auch beim Streamen von Filmen oder Musik auf: Man möchte etwas Schönes hören oder sehen, weiß aber nicht, was. Und selbst wenn man sich entscheidet, bleibt oft die Sorge, irgendwo könnte es noch etwas Besseres geben.

Sie sagen, das Problem sei nicht nur unsere zersplitterte Aufmerksamkeit. Vielmehr gebe es eine Art Dreiklang aus Aufmerksamkeit, Inferenz und Emotion, der uns zusetzt. Was meinen Sie damit?

Es gibt unzählige Bücher, Artikel und Appelle, die dazu aufrufen, sich nicht von Pings und Benachrichtigungen ablenken zu lassen. Und das ist auch richtig: Ablenkung ist eine große Quelle unserer Erschöpfung. Wie wir unseren Fokus über Geräte und Anwendungen verteilen, wie wir uns im Beruf vom Privaten unterbrechen lassen und umgekehrt – all das trägt zur Erschöpfung bei.

Doch Aufmerksamkeit existiert nicht isoliert. Sie ist eingebettet in ein vernetztes Geflecht mit dem, was ich „Inferenz“ nenne. In der digitalen Welt erhalten wir ständig eine Vielzahl einzelner Informationen. Aus ihnen ziehen wir fast automatisch Schlussfolgerungen darüber, wie andere handeln, welche Motive sie haben oder was sie über uns denken. Dieser permanente Interpretationsaufwand ist extrem anstrengend.

Hinzu kommt die emotionale Ebene. Gefühle zu haben – positive wie negative – kostet Energie. Der Cortisolspiegel steigt, und wenn wir zwischen Emotionen hin und her springen oder eine Emotion über längere Zeit aufrechterhalten, ist das körperlich belastend. Digitale Tools lösen fortwährend Emotionen aus. Denken Sie etwa an all das, was wir derzeit über Künstliche Intelligenz hören: Jobs gehen verloren, ganze Branchen verschwinden. Solche Diskurse erzeugen Angst, aktivieren starke Emotionen und machen müde.

Dazu kommen Gefühle wie FOMO – die Angst, etwas zu verpassen –, weil wir über Posts und Feeds scheinbar beispiellosen Zugang zum Leben anderer haben. Das erzeugt eine Form von Nähe, die nicht unbedingt echte Intimität ist. Diese dauerhafte Nähe und das Gefühl, andere zu verstehen, nur weil wir etwas sehen, wirken als starke emotionale Treiber.

Alle drei Faktoren – Aufmerksamkeit, Inferenz und Emotionen – belasten uns in ihrer Kombination besonders stark.

Sie weisen darauf hin, dass wir uns heute viel stärker als frühere Generationen damit beschäftigen, wie andere uns wahrnehmen. Im Warteraum für unser Videointerview habe ich mein eigenes Bild betrachtet und gedacht: Die Kameraauflösung ist gar nicht so gut, das Licht auch nicht ideal – ist das ein Beispiel für das, was Sie meinen?

Genau. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass es kognitiv sehr auslaugend ist, sich beim Sprechen selbst zu beobachten. Man sieht das eigene kleine Bildfenster, gestikuliert, die Hand verschwindet aus dem Bild, und plötzlich setzt ein innerer Kommentar ein: Oh nein, ich muss die Hände anders halten, sonst versteht mich niemand. Oder: Meine Haut sieht fleckig aus, meine Haare sind schlecht gekämmt.

Im physischen Raum erleben wir so etwas zwar auch. Aber wir laufen nicht 24 Stunden am Tag mit einem Spiegel herum, während wir gleichzeitig mit anderen interagieren. Beides zugleich zu tun ist besonders anstrengend.

Ähnlich ist es, wenn man Jahre später alte Posts sieht, die man einmal auf Facebook veröffentlicht hat, Bilder auf LinkedIn betrachtet oder wenn einem jemand eine alte Mail weiterleitet, die nicht gut erklärt hat, was man eigentlich wollte – und man sich plötzlich peinlich berührt oder dumm fühlt. Wir begegnen ständig digitalen Spiegelungen unserer selbst und müssen uns fortwährend mit unserer Selbstdarstellung auseinandersetzen. Das ist ein relativ neues Phänomen und ausgesprochen erschöpfend.

Wenn Menschen viele Posts von anderen sehen: Kennen sie ihre „Bekannten“ dadurch tatsächlich besser – oder ziehen sie vor allem sehr viele Schlüsse?

Wir erhalten kuratierte Daten über das Leben anderer. Das Problem dabei ist: Diese Daten wirken vollständig, obwohl sie es nicht sind. Sie sehen Texte oder Bilder von einer Party und haben das Gefühl, Sie wüssten, was dort passiert ist.

Was Sie nicht sehen, sind all die Dinge, die nicht dokumentiert wurden. Dennoch bauen wir aus Fotos, Videos, Nachrichten und Posts ein inneres Bild davon, wie eine Interaktion ablief oder wie eine Feier gewesen sein muss. Wir ziehen fortwährend Schlussfolgerungen darüber, wie andere etwas erlebt haben, und handeln anschließend auf dieser Grundlage.

Das Problem ist: Diese Deutungen sind oft nur teilweise richtig, wenn überhaupt. Deshalb müssen wir sie später wieder entwirren und korrigieren. Und genau dieser zusätzliche mentale Aufwand erhöht unsere Erschöpfung weiter.

Manchmal findet ein Videomeeting statt, obwohl auch eine E-Mail gereicht hätte. Und dann wieder müssen wir uns die benötigten Informationen aus acht Dokumenten und drei Slack-Kanälen zusammensuchen. Wie ließe sich das vermeiden?

Wir sollten zunächst über die Komplexität einer Situation nachdenken und dann die passenden Tools wählen, um Mehrdeutigkeit und unnötigen Aufwand zu reduzieren. Das klingt einfach, wird im Alltag aber erstaunlich selten getan. Denn dafür müssen wir vorab einschätzen, wie geradlinig oder komplex ein Thema ist und wie die Kommunikation mit der Gegenseite voraussichtlich verlaufen wird.

Viele komplexe Situationen lassen sich zum Beispiel mit asynchronen Tools wie langen E-Mails und zahlreichen Anhängen schlecht lösen. In solchen Fällen ist es hilfreicher, einander zu sehen und in Echtzeit reagieren zu können – etwa in einem persönlichen Gespräch oder per Video. Das senkt den Energieaufwand, weil wir weniger falsche Annahmen treffen und später entsprechend weniger klären und korrigieren müssen.

Das Gegenproblem gibt es ebenfalls: Situationen, die gar nicht besonders komplex sind, werden medial überladen. Wir machen ein Meeting, obwohl zwei gesetzte Umfrage-Häkchen vollkommen ausgereicht hätten.

Woran erkenne ich eigentlich, was wie komplex ist? Manchmal erscheinen mir Dinge völlig offensichtlich – anderen aber nicht. Und umgekehrt.

Im besten Fall wissen wir aufgrund unserer Berufserfahrung, welche Situationen eher komplex sind und welche nicht. Dieses Interview ist ein gutes Beispiel. Manche Journalistinnen und Journalisten schicken ihre Fragen per E-Mail, ich antworte schriftlich. Doch dann passen meine Antworten nicht ganz zu dem, was sie brauchen, oder es entstehen Rückfragen. Plötzlich werden aus ein paar Interviewfragen 14 E-Mails über drei oder vier Tage.

Ich bin beschäftigt, vergesse zu antworten, die andere Person hat eine Deadline und muss nachhaken – und der Austausch zieht sich unnötig in die Länge. Sie wussten hingegen von Anfang an: Sie brauchen präzise Antworten und möchten direkt nachfragen können. Also nutzen wir ein Medium, das diese komplexere Aushandlung erlaubt.

Manchmal zeigt sich die Komplexität allerdings erst mitten im Prozess. Dann bleiben wir oft zu lange im falschen Medium. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu bleiben und zu beobachten, ob eine Interaktion ins Stocken gerät. Wenn ja, gilt: kurz innehalten und den Kanal wechseln.

Sie sprechen von Level-1- und Level-2-Erschöpfung. Woran merke ich: Das ist nicht mehr einfach Level 1, und ein warmes Bad oder ein freier Tag reichen nicht aus – sondern es geht in Richtung Level 2?

Menschen, die Level-2-Erschöpfung erleben, beschreiben vor allem eines: Es fällt ihnen zunehmend schwer, sich wieder zu erholen. Level 1 ist wie ein Handy-Akku – morgens voll, abends leer, nachts laden, alles funktioniert. Doch Akkus haben nur eine begrenzte Zahl an Ladezyklen. Irgendwann halten sie kaum noch Energie. Das ist Level 2: Wenn der Akku nicht mehr richtig auflädt.

Zum Glück sind Menschen keine Akkus. Aber je schwerer es uns fällt, uns von Level-1-Erschöpfung zu erholen, desto eher kippt dieser Zustand in ein dauerhaftes Gefühl, das ich Level 2 nenne.

Woran merkt man das konkret? Erstens fühlen sich Betroffene deutlich unproduktiver. Früher konnten sie sich gut konzentrieren, jetzt sind sie extrem abgelenkt. Zweitens reagieren sie angespannter und gereizter auf Mails oder Posts. Und drittens – das ist besonders tückisch – fühlen sie sich paradoxerweise noch stärker zu digitalen Tools hingezogen. Sie verbringen mehr Zeit im digitalen Raum, ohne wirklich etwas zu erledigen.

Die Ironie dabei ist: Intuitiv würde man denken, wenn uns etwas anstrengt, hören wir damit auf. Beim Joggen ist das auch so: Wird man müde, bleibt man stehen. Bei kognitiver und emotionaler Erschöpfung scheint dieser Mechanismus jedoch nicht zu greifen. Im Gegenteil: Je erschöpfter wir sind, desto stärker werden wir von digitalen Tools angezogen.

Warum ist das so?

Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass uns die Tech-Industrie seit Jahren genau das verspricht: neue Apps und Technologien als Lösungen für nahezu jedes Problem. Hinzu kommt eine lange Tradition, gerade in marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaften, zu glauben, Technologie könne Schwierigkeiten grundsätzlich beheben.

Zugleich eignen sich digitale Tools besonders gut dafür, innerlich auf Abstand zu gehen, wenn Überlastung droht. Sie sind jederzeit verfügbar, niedrigschwellig nutzbar und ermöglichen einen schnellen mentalen Rückzug.

Gerade wenn Menschen bereits erschöpft sind, rutschen sie deshalb leicht in zielloses Herumspielen oder endloses Klicken. Dahinter steckt eine Belohnungs- und Verstärkungsschleife: Die Nutzung fühlt sich kurzfristig angenehm an, es gibt einen kleinen Dopaminkick. Dieses momentane Wohlgefühl verstärkt das Verhalten langfristig und erklärt, warum wir immer wieder zu digitalen Tools greifen, gerade dann, wenn wir eigentlich ausgelaugt sind.

Sie haben Regeln formuliert, um uns vor digitaler Erschöpfung zu bewahren. Worum 

geht es Ihnen dabei im Kern?

Im Kern geht es um Lösungen, die weder auf Technikverzicht hinauslaufen noch zwangsläufig nach noch mehr Technik verlangen. Eine zentrale Frage lautet: Kann ich die Zahl der genutzten Tools reduzieren?

Nehmen wir Videokonferenz-Software. Ich könnte täglich zwischen Zoom, Teams, WebEx, Google Meet und anderen wechseln. Funktional ist das meist dasselbe. Doch die vielen kleinen Unterschiede – wo teile ich den Bildschirm, wo schalte ich das Mikro stumm – kosten Energie. Dieses ständige Umdenken ist ein Treiber von Erschöpfung, auch wenn wir ihn im Moment kaum bemerken. Wenn ich fünf Tools nutze, kann ich mich oft funktional auf ein oder zwei beschränken und vermeide so diese permanente kognitive Verzögerung.

Ein zweiter Punkt, von dem ich ein großer Fan bin, ist die gezielte Nutzung von Geräten. Viele Menschen fühlen sich von ihrem Smartphone fast magisch angezogen. Sie öffnen Instagram, wechseln in eine Shopping-App, dann wieder woanders hin – und 45 Minuten später haben sie nichts erledigt, fühlen sich aber ausgelaugt.

Ein einfaches Gegenmittel ist, sich bei jeder Nutzung kurz zu fragen: Warum gehe ich da jetzt hinein? Schon ein kleines Ziel schafft einen Entscheidungspunkt. Ist das Ziel erreicht, sollte die Frage lauten: Bleibe ich noch? Wechsle ich die App? Oder lege ich das Gerät weg? Ohne eine solche Intention gleiten wir nahtlos von Anwendung zu Anwendung.

Sie nennen acht Regeln (siehe unten). Befolgen Sie diese selbst alle konsequent?

Ich nutze unterschiedliche Regeln zu unterschiedlichen Zeiten. Unsere Leben sind komplex, und nicht jede Regel funktioniert für jede Person. Je nachdem, ob jemand stärker mit Aufmerksamkeit, Inferenz oder Emotionen zu kämpfen hat, sind jeweils andere Regeln hilfreicher.

Ich selbst versuche vor allem drei Dinge: das zur Komplexität einer Aufgabe passende Tool zu wählen, nicht immer sofort zu reagieren, und jede Aufgabe so aufmerksam und präsent wie möglich zu erledigen.

Welche dieser Regeln fällt Ihnen persönlich am schwersten?

Wirklich präsent zu sein in der Tätigkeit, die ich gerade ausübe. Also Flow zu finden. Das reduziert Aufmerksamkeitssprünge, verringert fehlerhafte Annahmen – und Flow geht meist mit einem positiven emotionalen Zustand einher.

Enorm hilfreich ist es außerdem, Aktivitäten ohne digitale Tools zu haben, die man gern ausübt: Sport, handwerkliche Tätigkeiten, Handarbeiten. In solchen Momenten greifen viele Menschen ganz selbstverständlich nicht zum Handy. Aber auch bei digitaler Arbeit kann das gelingen. Wenn ich schreibe und wirklich drin bin oder konzentriert Videos schneide, höre ich nicht erschöpft auf, sondern mit Energie. Ich habe etwas geschaffen, positive Emotionen erlebt, und meine Aufmerksamkeit war fokussiert statt fragmentiert.

Die Versuchung, zwischendurch schnell noch Mails zu checken, ist allerdings immer da. Deshalb muss man bewusst Raum schaffen, um in eine Tätigkeit hineinzusinken. Gelingt das, lassen sich Ablenkungen deutlich leichter ignorieren.

Acht Regeln 

Digitale Tools kosten nach Ansicht von Paul Leonardi nicht in erster Linie Zeit, sondern vor allem Energie – und Energieverlust ist oft ein Design- und Kommunikationsproblem, kein individuelles Versagen. Die folgenden acht Regeln sind Leonardi zufolge das kompakte Gegenprogramm.

1. Die Hälfte der digitalen Tools ausmisten 

Leonardi empfiehlt, die Zahl der genutzten digitalen Tools radikal zu reduzieren. Denn jedes zusätzliche Tool erzeugt Koordinationsaufwand, Wechselkosten und Reibung. Der erste Schritt ist eine vollständige Bestandsaufnahme – getrennt nach beruflicher und privater Nutzung. Anschließend soll für jedes Tool geprüft werden: Lässt es sich durch ein anderes ersetzen, das ohnehin genutzt werden muss? Ist es unverzichtbar? Oder sind wir nur daran gebunden, weil alle anderen es verwenden („Network-Lock-in“)? Am Ende entscheidet ein „Energy-Audit“, welche Tools netto eher ermüden und welche tatsächlich unterstützen. Derzeit nutzen die meisten Arbeitenden rund 34 digitale Tools regelmäßig; Anfang der 2000er-Jahre waren es noch acht, 2010 bereits 25. Ziel ist es, die Zahl der genutzten Apps um etwa 50 Prozent zu senken.

2. Das zur Aufgabe passende Medium wählen 

Das Kommunikationsmedium muss zum Inhalt passen. Andernfalls entstehen Missverständnisse und zusätzliche Schleifen. Für klare, einfache Informationen reichen „schlanke“ Kanäle wie Chat oder eine kurze E-Mail. Sobald etwas unklar oder mehrdeutig ist, ein gemeinsames Verständnis hergestellt werden muss oder Rückfragen zu erwarten sind, eignen sich „persönlichere“ Medien besser – etwa Telefon, Video oder ein direktes Gespräch. Spätestens wenn Emotionen, Kritik oder potenzielle Konflikte ins Spiel kommen, sollte auf Stimme oder Face-to-Face gewechselt werden: Tonfall und Absicht lassen sich dann leichter lesen.

3. Ähnliche Aufgaben bündeln, um Störungen zu minimieren 

Paul Leonardi unterscheidet zwei Strategien im Umgang mit eingehenden Informationen: Batching (gebündelte Bearbeitung zu festen Zeiten) und Streaming (kontinuierliche Bearbeitung in Echtzeit). Batching schützt den Fokus und senkt die Erschöpfung, weil wir nicht ständig unterbrochen werden und weniger Kontextwechsel stattfinden. Streaming kann sinnvoll sein, wenn eine Aufgabe echte Reaktionsfähigkeit in Echtzeit verlangt, es kippt jedoch leicht in einen dauerhaften Alarmzustand. Die praktikabelste Lösung ist oft ein Hybrid: Nur wenige wirklich kritische Dinge werden gestreamt, alles andere konsequent gebatcht. Am besten funktioniert dieses Vorgehen, wenn die Regel transparent kommuniziert wird.

4. Eine Stunde, einen Tag – oder sogar eine Woche abwarten 

Bewusst gesetzte Antwortzeit-Horizonte statt reflexhaftem Sofort-Reagieren senken den Stress. Denn nicht alles ist ein Notfall. Kommunikation sollte daher ähnlich priorisiert werden wie in einer Notaufnahme: Was ist wirklich dringend und was nur „laut“? Entscheidend ist, diese Haltung selber konsequent zu leben. Wer immer sofort antwortet, trainiert andere auf genau dieses Tempo. Zusätzlich empfiehlt Leonardi, größer und seltener zu kommunizieren, also weniger Pingpong, dafür gehaltvollere Updates. Im Vorfeld sollte man bewusst zwischen Reputation und Reaktionsgeschwindigkeit einerseits sowie Konzentration und Gesundheit andererseits abwägen – also den Preis des Abwartens einkalkulieren.

5. Keine vorschnellen Annahmen treffen 

Digitale Kommunikation verleitet dazu, aus Mini-Signalen – etwa Kurzantworten, Verzögerungen, Doppelhäkchen ohne Rückmeldung oder Statusanzeigen – weitreichende Schlüsse über Absicht und Haltung zu ziehen. Leonardi empfiehlt, aktiv gegen diesen „Interpretations-Autopiloten“ zu arbeiten. Zentral ist dabei eine veränderte Grundhaltung: In den meisten Fällen liegt es nicht an einem selbst, sondern die Situation der anderen spiegelt Stress, Kontext, Arbeitslast oder schlicht Gewohnheiten wider.

6. Tools gezielt und zweckgebunden nutzen 

Geräte sollten nicht benutzt werden, nur weil sie verfügbar sind, sondern um etwas Bestimmtes damit zu tun, mit klarem Start und klarem Stopp. Leonardi verbindet das mit der Wahrnehmung des eigenen Fortschritts: Erschöpfung sinkt, wenn Arbeit sichtbare Ergebnisse hervorbringt, und steigt, wenn Zeit in reaktiven Kleinstaufgaben zerfasert. Entsprechend empfiehlt er, Arbeit so zu strukturieren, dass kleine Ziele und Gewinne („Wins“) sichtbar werden, statt sich vom ständigen Eingang neuer Nachrichten antreiben zu lassen. Zusätzlich rät er dazu, bewusst Puffer einzuplanen – zeitliche und räumliche Abstände, Pausen, Rituale oder das Gerät außer Reichweite –, damit der Kopf zwischen digitalen Phasen wieder in die Wirklichkeit zurückfindet.

7. Stetig von anderen lernen 

Nach den sechs Schutzregeln zeigt Leonardi, wie digitale Geräte auch Energie schenken können: indem wir durch die Beobachtung anderer lernen. In digitalen Arbeitsumgebungen lässt sich leicht verfolgen, wie kompetente Menschen schreiben, strukturieren, priorisieren oder koordinieren – oft, ohne mit ihnen jedes Mal direkt interagieren zu müssen. Das funktioniert besonders gut, wenn wir unsere Verbindungen bewusst und vielfältig gestalten, statt uns auf einen engen Kreis zu beschränken. Dazu gehört auch, das eigene Denken im Blick zu behalten: Welche Muster übernehme ich? Welche davon helfen mir tatsächlich? Und wie verändert sich dadurch meine Arbeitsweise?

8. Präsent sein – nicht mental woanders 

Die Kombination aus fokussiertem Eintauchen („Immersion“) und echter Distanz ist für Leonardi der Schlüssel, damit digitale Arbeit nicht das ganze Leben okkupiert. Problematisch wird es, wenn wir körperlich in Situation A sind, während der Kopf in Situation B weiterarbeitet – Leonardi bezeichnet dieses Phänomen sinnfällig als „Teleporting“. Praktisch heißt das: klare Übergänge, weniger Kontextwechsel, eine echte Trennung zwischen digitaler Arbeit und Erholung, statt möglichst lange nur halb anwesend zu sein. Leonardi betont dabei den Wert komplementärer Gegensätze: bewusst Aktivitäten einzuplanen, die andere Fähigkeiten ansprechen als Bildschirmarbeit – Körper, Sinne, Langsamkeit, direkte Begegnung.

Paul Leonardi, „Digital Exhaustion: Simple Rules for Reclaiming Your Life“, Ebury Publishing, 2025, 352 Seiten (derzeit nur im englischsprachigen Original)

Paul Leonardi von der University Santa Barbara in Californien

© doug ellis photography 
Paul Leonardi promovierte in Organisations-, Technologie- und Innovationsforschung. Als „digitale Erschöpfung“ bezeichnet er jenen Zustand, in dem nicht die Arbeit an sich, sondern die Art und Weise, wie digitale Werkzeuge unsere Arbeit organisieren und strukturieren, uns zermürbt: ständiges Wechseln, permanentes Reagieren, unklare Erwartungen, endlose Mikroschleifen. Viele fühlen sich ausgelaugt, weil sie digitale Kommunikation wie Luft behandeln – immer verfügbar, immer nebenbei –, obwohl sie in Wahrheit ein hochwirksamer Eingriff in Aufmerksamkeit, Beziehungen und Entscheidungsqualität ist.